Wenn das Anrichten des Tisches zur kreativen Meisterleistung wird, hat man es vermutlich mit Tablescaping zu tun. Der Trend erobert private Esszimmer und das Internet gleichermaßen.

Text: Theresa Kirchmair

Kerzenlicht spiegelt sich auf dem präzise ausgerichteten Besteck, der gemusterte Teller harmoniert perfekt mit der sorgsam ausgewählten Serviette. In der Mitte des Tisches erhebt sich eine Landschaft aus weißen
Tannenbäumchen, die von Porzellanhirschen durchstreift wird.
Was kitschig klingt, ist nur ein Beispiel dafür, wie Tablescaping aussehen kann. Thematisch durchdacht, exakt durchgeführt, gern auch etwas ungewöhnlich und stets mit einem klaren Farbkonzept. Ein simpler Teller, flankiert von Messer und Gabel, würde seinen Zweck zwar erfüllen, doch nicht zuletzt dank der starken Onlinepräsenz von Tablescaping entdeckt eine neue Generation potenzieller Gäste den Wert elaborierter Tischarrangements.

 

Landschaftsplanung im Gastraum

Woher das Kunstwort Tablescaping stammt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit klären. Häufig wird es auf einen Ausspruch der US-amerikanischen TV-Köchin Sandra Lee zurückgeführt, deren eigene Tischlandschaften online ein großes Publikum anziehen. Die Kombination aus Table, dem Tisch, und Landscaping, der Landschaftsgestaltung, macht die hohen Ambitionen der Kunst klar: mit kreativen Mitteln aus einem simplen Tisch eine faszinierende Landschaft zu formen. Das opulente Arrangieren ist in der Gastronomie keine neue Erfindung, Tablescaping bietet aber besonders im Bezug auf thematisch geprägtes Anrichten einen frischen Zugang zu einer althergebrachten Tradition.

Seine Wurzeln hat es in den Gepflogenheiten der westlichen Oberschicht des späten 18. Jahrhunderts. Geschirr, Besteck und Co. gab es erstmals in größerer Variation und spezialisierte sich stärker auf einzelne Speisen. In der Aristokratie wurde es zu einer Form der Zerstreuung und Darstellung, Traumlandschaften auf der eigenen Tafel anzurichten – oder anrichten zu lassen. Wichtig in der Entwicklung war ein schleichender Wechsel in der Art, wie Speisen serviert wurden. Die etablierte französische Methode sah vor, alle Gerichte zugleich aufzutragen, die Gastgeber waren daher eher mit der Frage beschäftigt, wie sie die zahlreichen Behältnisse gefällig am Tisch unterbringen sollten. Mit der damals neu in Mode kommenden russischen Methode wurde mehr Fläche frei, denn sie sah vor, dass die Gänge nacheinander auf Seitentische platziert und auf die einzelnen Teller serviert wurden. Der gewonnene Platz wurde rasch von Blumenarrangements und dem Kernstück eines jeden Tisches, einem meist silbernen Centerpiece, eingenommen.

 

Den Trend im Blick

Bald entdeckte die aufstrebende Mittelschicht die Konzepte von Dinnerpartys und aufwendigem Decken des Tisches für sich. Die Eigenheit von Moden wie dieser ist es, nach einer Weile immer wieder aufzutauchen. Für eine größere Gemeinschaft zu kochen und sie an einer perfekten Tafel zu platzieren, ist wieder in. Was im Privatbereich Menschen interessiert, kann aber auch für die Gastronomie relevant sein – gerade bei so fotogenen Trends wie Tablescaping. Allein auf der besonders bildbasierten Plattform Instagram gibt es unter #tablescaping 56.000 Beiträge. Ein thematisch spannend inszenierter Tisch lockt daher nicht nur Kunden an, sondern verhilft mit etwas Glück auch auf Social Media zu größerer Bekanntheit. Professionelles Tablescaping anzubieten ist in den USA bereits Brotberuf, in Österreich könnte es Zuverdienst für Menschen aus verschiedenen Sparten sein.

 

Breite Variation

Eine der Stärken des modernen Tablescapings ist, dass es deutlich mehr Freiheiten lässt als sein historisches Pendant. Solange die Inszenierung gut ausgeführt ist, steht Themen von Erntedank bis zu Fluch der Karibik nichts im Weg. Es gibt zwar unterschiedliche Grundströmungen, doch deren Grenzen sind fließend und wandelbar. Ob elegant, mit Fokus aus Selbstgemachtes oder als Ode an das Landleben, erlaubt ist, was gefällt.
Außerhalb von Privatbereich und Gastronomie findet Tablescaping auch als Wettbewerb statt. In den USA, wo sich der Trend stärker verbreiten konnte, treten die Konkurrenten mit abenteuerlichen Konstruktionen auf Messen gegeneinander an. Neben der Kreativität des Arrangements prüfen die Juroren auch genau, ob Besteck, Geschirr und Gläser zum imaginären Menü passen, für das der Tisch konzipiert ist. Eine falsche Gabel, eine verkehrte Messerschneide oder ein verrutschtes Weinglas kosten wertvolle Punkte.

 

© Michael Rathmayr

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