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Die Pandemie bedroht nicht nur die Gesundheit Älterer, sondern im Fall des Wiener Generationencafés Vollpension auch deren Arbeitsplatz. Die Lösung: Backen im Netz.

Text: Theresa Kirchmair

Schmeckt fast so gut wie bei Oma – das ist ein Prädikat für gute Kuchen. Und das mit gutem Grund. Jahrzehnte der Erfahrung haben den älteren Semestern Kniffe gelehrt, die Jüngere erst über viele mittelprächtige Torten hinweg erlernen müssen. In den Genuss der Leckereien kommen Backlaien in der seit 2015 bestehenden Vollpension dennoch, dort stellen nämlich Senioren die Hälfte des Teams im Generationencafé und finden so nach der Pensionierung ein Einkommen und eine Aufgabe. Mit Beginn der Pandemie kam die Vollpension in Bedrängnis, doch man passte sich an und machte, wie es Gesellschafter und Kreativmastermind Moriz Piffl formuliert, „aus der Not eine Tugend“.

 

Gemeinsamer Kraftakt

Dass die Vollpension die ersten Monate der Pandemie überstehen würde, war zunächst unklar. Das Stammhaus in der Schleifmühlgasse wollte einen staatlich besicherten Kredit von 100.000 Euro aufnehmen, doch dieser wurde nicht gewährt. Man stellte zwar Anträge auf Kurzarbeit, bis zur positiven Antwort vergingen aber zwei Monate. Noch dazu hatten die Backomas, das Herz des Unternehmens, keinen Anspruch darauf. Für Piffl gab es klare Ziele: „die Senioren in Beschäftigung halten und als Unternehmen die Krise überstehen.“

 

 

„Man könnte sagen, wir sind schneller mutiert als das Virus.“ – Moriz Piffl,Vollpension-Gesellschafter

 

 

Lösungsansätze

Mitarbeiter, Senioren sowie Mitstreiter aus der Kreativ- und Start-up-Szene setzten sich am virtuellen Tisch zusammen. Letztlich wurden zwei konkrete Ideen angegangen: eine Crowdfundingkampagne gegen den massiven finanziellen Einbruch und der Aufbau der Backademie, einer Streamingplattform für eigene Backkurse.

Das Crowdfunding startete im April. Ziel waren 40.000 Euro, geworden sind es 140.000. Damit war die Absage des Kredits kompensiert. Piffl erinnert sich: „Ohne das Crowdfunding hätte der Betrieb es nicht einmal mehr geschafft, die Gelder von der Kurzarbeit abzuwarten.“ Mit der Arbeit an der Backademie begann das Team kurz darauf im Mai.

 

Zwischenspiel

Wie sich die Senioren vor der Kamera schlagen würden, wusste vor Beginn der Dreharbeiten niemand. Einige übertrafen jedoch alle Erwartungen und schlugen sich laut Piffl „bombastisch“.

Die Öffnung der Gastronomie im Sommer stellte die Vollpension vor ein neues Problem, denn mit halber Sitzplatzzahl ging die Rechnung als sozialgastronomischer Betrieb nicht mehr auf. Die Touristen, im Sommer des Vorjahres zwei Drittel der Gäste, blieben noch dazu aus. Also rief man das Flatratemodell Halbpension ins Leben, bei dem die Kunden für die verbrachte Zeit im Café bezahlten.

Das Team traute der Öffnung trotzdem nie ganz über den Weg und stellte eigene Überlegungen zu kommenden Lockdowns an, so Piffl: „Es ist oft besser, sich eigene Rahmenbedingungen zu setzen, wenn von außen keine klaren Ansagen kommen.“

 

 

 

Film ab

Vor der Pandemie verköstigte die Vollpension ihre Gäste an zwei Standorten in Wien. Durch die Onlineangebote ist es nun gelungen, eine breiter gestreute Kundschaft anzusprechen.

Unterdessen wurde in der Vollpension ein professionelles Filmstudio mit vier Kameras aufgebaut. 50 Menschen arbeiteten an dem Projekt, ohne zu wissen, ob es Geld einbringen würde. Wie sich die Senioren vor der Kamera schlagen würden, war unklar, noch dazu musste sichergestellt werden, dass sich niemand am Set infizierte. Vor jedem Dreh unterzog sich also das gesamte Team den damals noch wenig bekannten Schnelltests.

Die fertigen Episoden stehen heute gegen einen Obolus auf der Website der Vollpension zur Verfügung: In den „Omasterclasses“ wird je ein Themenschwerpunkt behandelt, von Kuchen über Kekse bis hin zu veganem Backen. Neben dem Streamingangebot gibt es auch die Möglichkeit, online an Livekursen teilzunehmen und gemeinsam mit den Senioren zu backen. Nicht nur die Einkünfte, die das Projekt abwarf, gaben dem Team Auftrieb, sondern auch die Beschäftigung damit: „Jeder war froh, etwas tun zu können und nicht nur ohnmächtig darauf zu warten, was jetzt kommt.“

 

Breit aufgestellt

Die Contentproduktion ging weiter. Man gab ein Backbuch und Rezeptkartensets heraus, für Servus TV produziert das Team ein wöchentliches TV-Format. Die Fülle an bespielten Medienkanälen erklärt Piffl so: „Man muss sagen, dass wir keinen gastronomischen, sondern einen breiter aufgestellten sozialunternehmerischen Hintergrund haben.“

Mit zusätzlichen Aktionen wie den Buchteln to go im Februar gewann man weitere Kunden, die Ideen gehen den Machern der Vollpension nach wie vor nicht aus. Moriz Piffl über die wohl größte Stärke des Unternehmens in der Krise: „Man könnte sagen, wir sind schneller mutiert als das Virus.“

 

 

Bilder: Mark Glassner

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