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Dank Innovationsgeist und Klimawandel wachsen in Österreich längst nicht mehr nur Äpfel, Kartoffeln und Radieschen: Von Reis bis Zitronen und Ingwer gibt es mittlerweile zahlreiche Exoten auch aus der Region – in oft besserer Qualität und ohne schlechtes Gewissen.

Text: Lisa Schwarzenauer

 

Die Food- und Gastroszene blickt jedes Jahr gespannt der Veröffentlichung des neuen Foodreports von Hanni Rützler entgegen. Die Foodtrend-Expertin und Gründerin des futurefoodstudios stellt darin die wichtigsten Trends und Strömungen vor, die die Branche im nächsten Jahr und darüber hinaus prägen werden – und laut Foodreport 2022 gehören dazu neben den Schlagworten „Zero Waste“ und „Real Omnivores“ auch die sogenannten „Local Exotics“: Pflanzen und tierische Lebensmittel, die üblicherweise Tausende Kilometer zurücklegen müssen, bevor sie in den heimischen Küchen landen, kommen immer öfter aus der Region.

 

Der Faktor Sehnsucht

Hanni Rützler ist Trendforscherin, Ernährungswissenschaftlerin, Gesundheitspsychologin und Gründerin des futurefoodstudios, das seit 25 Jahren Veränderungen und Trends in der Esskultur und im Food-&-Beverage-Bereich analysiert. Ihre Erkenntnisse und Prognosen sammelt Rützler im jährlichen Foodreport, der sich über die Jahre zu einer der wichtigsten Publikationen für die Gastronomiebranche entwickelt hat.

Dieser Trend wird beflügelt vom zunehmend wärmeren Klima in Österreich, das es möglich macht, auch hitzebedürftigere Sorten anzubauen. Aber auch die Coronakrise spiele hier eine große Rolle: „In der Pandemie ist die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln, denen Konsumenten im Hinblick auf Qualität und Sicherheit mehr vertrauen, noch weiter gestiegen. Zugleich haben die Reisebeschränkungen die Sehnsucht nach exotischen Genüssen geweckt, die wir sonst auf Urlaubsreisen befriedigen konnten“, sagt Rützler.

Als Antwort darauf versuchen sich immer mehr innovative Landwirte und Gemüseproduzenten im Anbau exotischer Früchte und bieten Kiwi, Süßkartoffel, Ingwer, Wasabi & Co. aus regionaler Produktion an.

Auf den Trend aufmerksam geworden sei sie beispielsweise durch Landwirte im Burgenland und im Umland von Wien, die seit einigen Jahren erfolgreich Reis in Bioqualität anbauen. „Das hat mich neugierig gemacht, ob hierzulande auch noch andere ‚exotische‘ Produkte erzeugt werden. Und ich stoße bei der Suche auf immer mehr Überraschungen.“

 

Weißes Gold

Einer dieser Landwirte ist Gregor Neumeyer. Er baut seit 2015 Reis in Gerasdorf an, den er unter dem Namen ÖsterReis vertreibt. Als er vor sechs Jahren die Landwirtschaft seines Vaters im Nebenerwerb übernommen hat, entschied er sich, zum ersten Mal in der Geschichte des Betriebes etwas direkt zu vermarkten – die Frage war nur, welches Produkt. „Ich habe dann durch Zufall in einem Pub in Wien wen getroffen, der erzählt hat, dass er immer schon mal Reis anbauen wollte. Da habe ich gesagt: Okay, lass uns das probieren“, erzählt er.

Der erste Versuch sei bescheiden ausgefallen. „Es hat unserer Einschätzung nach eigentlich ganz gut ausgesehen, aber als wir mit dem Mähdrescher in das Feld gefahren sind, ist da irgendwie nichts rausgekommen“, erinnert er sich. „Dann sind wir reingekraxelt mit einem Staubsauger und haben den Reis einfach rausgesaugt. Das war mehr oder weniger eine Handvoll, die wir da im ersten Jahr geerntet haben.“ 2016 war die Ernte dann schon wesentlich besser. Für dieses Jahr rechnet er mit einem Ertrag von 50 bis 100 Tonnen.

„Unser großes Ziel ist, Reisanbau für andere Landwirte als Alternative zu etablieren, und wir haben dieses Jahr zusammen mit zehn Landwirten insgesamt 60 Hektar Fläche für die Reisproduktion.“

Geflutete Reisfelder sucht man in der Gegend aber vergeblich: Neumayer und seine Kollegen bauen im Trockenen an. Der Nassreisanbau habe zwar den Vorteil, dass man sich nicht um Unkrautbekämpfung kümmern muss, weil das Wasser alle Konkurrenzpflanzen unterdrückt, dafür sorge er für massiven Methangasausstoß und Arsen- und Schwermetallablagerungen im Reis – die Stoffe werden durch die Flutung aufgeschwemmt und setzen sich dann in den Pflanzen ab. ÖsterReis hat im Vergleich einen 80 Prozent geringeren CO2-Fußabdruck und ist mittlerweile als einziger Reis der Welt als arsenfrei zertifiziert, weshalb einer der größten Kunden ein Spezialist für Babynahrung ist, der jahrelang nach einer unbedenklichen Alternative gesucht hat. Das errege auch Interesse aus Asien, wo Reisanbauer immer mehr Druck verspüren, nachhaltiger zu produzieren.

 

Süße Früchte

Auch mitten in Simmering findet man Unerwartetes: Am Feigenhof werden mitten in der Stadt auf rund einem Hektar Fläche nicht nur über 200 Feigensorten, sondern auch Artischocken, Kiwano, Indianerbananen, Melothria, Kaki, Granatapfel und mehr in Bioqualität angebaut und ab Hof verkauft. Ursula Kujal und ihr Mann Harald Thiesz haben den Feigenhof 2006 zusammen gegründet. Der Wunsch war von Anfang an, Neues auszuprobieren. „Mein Mann liebt Exoten, und seine Ambition war, ohne Heizung in Bioqualität zu produzieren. Er hat dann geschaut, welche Früchte es gibt, die es bei uns aushalten, und herumexperimentiert“, sagt Kujal. So hat sich der Fokus auf die Feigen ergeben, aber zur Absicherung werden auch hunderte Kräuter und verschiedenes heimisches Gemüse angebaut.

Was als Versuch begonnen hat, ist mittlerweile ein erfolgreiches Unternehmen, das neben Privatpersonen auch Spitzengastronomen wie Heinz Reitbauer und Paul Ivić zu seinen Stammkunden zählt. Der Grund sei relativ einfach, sagt Kujal: „Es ist kein Vergleich, in eine wirklich reife Feige zu beißen, die keinen langen Transport hinter sich hat.“ Aber auch der zunehmende Fokus auf Regionalität und der Wunsch, Neues zu entdecken, trage dazu bei: „Wir haben immer schon versucht, andere Länder im Geschmack kennenzulernen, und die Abwechslung im Gaumen haben viele schon sehr gerne.“

 

© Alina Klampfer, Julietta Kunkel, ÖsterReis, Martina Siebenhandl

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