Was vor rund 30 Jahren, als Sabine Stöckl in ihren Job und damit in den Lkw eingestiegen ist, noch ungewöhnlich war, ist heute weit verbreitet: eine Frau hinterm Lastwagenlenkrad. Sabine Stöckl hat damit ihren absoluten Traumjob gefunden.

Text: Theresa Kleinheinz

Die Hände fest ums Lenkrad des Lkw gelegt, rollt das Fahrzeug steile, teils steinige Bergstraßen hinauf. In Momenten wie diesen fühlt sich Sabine Stöckl am wohlsten. Als Fahrerin bei Eurogast Sinnesberger kann sie ihre Leidenschaft regelmäßig ausleben, denn kurvige, alpine Strecken gibt es auf ihren Touren zur Genüge. Sinnesberger beliefert vom Betriebsstandort in Kirchdorf aus die Bezirke Kitzbühel und Kufstein, aber auch Teile Salzburgs und den Landkreis Traunstein in Bayern. Sabine Stöckl ist für den Salzburger Oberpinzgau, Ortschaften am Großglockner und die Gegend rund um Fieberbrunn zuständig – wo sie sich auskennt, denn sie selbst lebt in Leogang.

Von dort fährt sie früh morgens rund eine halbe Stunde nach Kirchdorf. Um halb sechs beginnt ihr Arbeitstag. Um diese Uhrzeit wartet die bereits kommissionierte Ware darauf, von ihr in den gekühlten Lastwagen geladen zu werden. Mit der Route im Kopf, befüllt Sabine Stöckl das Fahrzeug. 24 Wagen haben Platz. Nachdem alles befestigt ist, macht sie sich auf den Weg. „Mit der Zeit ist man mit dem Hausgebrauch der Kundschaften vertraut “, sagt Stöckl. Die Lagerräume der Betriebsküchen kennt sie von innen und weiß, wo welche Lebensmittel ihren Platz haben. Nachdem sie die Waren ins Lager geräumt hat, bleibt manchmal noch Zeit zum Plaudern. „Mir gefällt, dass du mit der Kundschaft zu tun hast und nicht nur fährst. Du kannst auch mal ein privates Gespräch führen oder eine Gaudi haben“, schwärmt sie für ihren Beruf.

 

Fern gefahren

In ihren Anfangsjahren als Fernfahrerin war das nicht so. Damals saß Stöckl oft stundenlang im Lastwagen und durchquerte Europa. Hauptsächlich war sie in Italien und Deutschland unterwegs, doch auch die Autobahnen Schwedens, Englands und Spaniens kennt sie. Geliefert hat Stöckl damals alles, was auf den Lastwagen passte – von Kleidung über Maschinen und Stahl bis hin zu Zucker und Milch. „Aber mit einem gewissen Alter habe ich gesagt: So, jetzt will ich in meinem eigenen Bett schlafen“, lacht die 56-Jährige. Das macht sie seit mittlerweile zehn Jahren, sieben davon fuhr sie für Sinnesberger, wo sie vor allem das familiäre Arbeitsklima schätzt.

Dass sie eines Tages hinterm Steuer sitzen will, wusste Sabine Stöckl schon in jungen Jahren. „Ich bin – mehr oder weniger – mit dem Lenkrad in der Hand geboren“, erzählt sie. Als Kind griff sie stets zum Lastwagen, niemals zur Puppe. „Autos und Lkws haben mich schon immer fasziniert“, blickt sie zurück. Da war es klar, dass sie zusätzlich zum regulären Führerschein auch gleich den Lastwagenführerschein macht. Auch weil sie sich für die Technik interessiert, die dahintersteckt. Reifenwechseln oder Schneeketten­auflegen werden so zu Kleinig­keiten.

 

Respekt vor dem Schnee

„Je höher, desto besser“ lautet Sabine Stöckls Motto. Im Winter kann das jedoch auch zur Herausforderung werden. Vor allem die Strecken zu den Almen und höher gelegenen Restaurants und Hotels haben es in sich. „Das musst du mit Vorsicht genießen“, erklärt die erfahrene Fahrerin. An einen Moment, der ihr Herzklopfen bereitete, erinnert sie sich besonders gut: „Obwohl ich vier Ketten angelegt hatte, bin ich auf der Steinplatte in Waidring nach hinten gerutscht. Aber Gott sei Dank ist nichts passiert.“ Braucht sie aufgrund der Witterungsverhältnisse einmal länger als sonst, ist das Verständnis der Kundinnen und Kunden groß, wie beispielsweise beim Hochwasser im Juli. Davon war auch Sabine Stöckls Route in den Oberpinzgau betroffen.

Aufgrund ihrer rund 30-jährigen Erfahrung als Lkw-Fahrerin kann sie mit solchen Situationen gut umgehen. Als Stöckl in den Beruf eingestiegen ist, war sie eine von wenigen Frauen in dieser Branche. „Mittlerweile gibt es schon mehr“, beobachtet sie. So etwa auch ihre Kollegin Sarah, die seit Kurzem für Eurogast Sinnesberger Waren zustellt. Jungen Frauen, die eine Karriere hinterm Steuer anstreben, rät Sabine Stöckl: „Allen Mut zusammenfassen und ruhig machen. Es ist nicht so schwer, wie viele glauben.“

 

Dienstschluss

Sogar in ihrer Freizeit verbringt Sabine Stöckl Zeit bei den Sinnesberger-Kundinnen und -Kunden. „Ich gehe unheimlich gerne auf die Alm“, schwärmt sie. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever bewandert sie jene Orte, die sie normalerweise mit dem beladenen Lkw anfährt, etwa die alte Moa-Alm im Pinzgauer Habachtal. „Ich nenne das ‚Kundenbetreuung‘“, lacht die 56-Jährige. Im Winter setzt sie sich gerne auf die Rodel. „Dann kann der Hund hinterherfetzen“, freut sie sich.

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© Axel Springer, Sabine Stöckl

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