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Die Corona-Krise wird länger dauern. Wir alle müssen lernen, mit dem Virus zu leben – ganz besonders hart trifft es aber den Tourismus, die Gastronomie und die Hotellerie. Die gesamte Branche wird und muss sich nachhaltig verändern.

Tourismus, Hotellerie und Gastronomie sind ein Gesamtkonzept, das auf mehreren Beinen ruht und in den letzten Monaten ordentlich durchgebeutelt wurde. Viele sehen aber genau darin eine große Chance. Die Themen Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Regionalität gewinnen immer mehr an Bedeutung; außergewöhnliche und innovative Ideen sind gefragt – viele sprechen sogar von einer Neuerfindung der gesamten Branche. Das Eurogast Journal hat sich im ganzen Land umgesehen und Unternehmer getroffen, die nicht verzweifeln, sondern positiv in die Zukunft schauen. Ein Rundumblick vom Arlberg bis zum Neusiedlersee.

Diese turbulenten Zeiten werden unsere Welt nachhaltig prägen. Wir schauen auf jeden Fall hoffnungsvoll in die Zukunft, denn Ferienziele werden künftig noch bewusster ausgesucht und der Urlaub dort verbracht, wo man sich gut aufgehoben und daheim fühlt. – Maria Hauser

Warum mache ich das, was ich mache?

Es ist wirklich beeindruckend, wie viele Gastgeber in dieser Krise einfach Ja gesagt und weitergemacht haben. Wir dürfen keine Gäste empfangen? Dann organisieren wir einen Lieferservice. Oder wir geben unser Essen durchs Fenster aus. Oder wir veranstalten einen Genussmarkt in den Gaststätten. Oder halten mit Online-Kochkursen, Yoga-Sessions oder einem Animationsprogramm für die Kids den Kontakt zum Kunden. Oder wie Koch und Gastronom Ben Pommer berichtet, und das ist das größte Yes der Corona-Zeit – wir kochen für diejenigen, die es nun ganz besonders nötig haben.

Die Zahl der für Menschen in Funktionsberufen ehrenamtlich zubereiteten Speisen geht wahrscheinlich in die Millionen. Warum dieses Engagement? Das hat uns Ben Pommer im Interview so erklärt: „Wir haben die Expertise, die Orte, die Mitarbeiter und den Willen, etwas Gutes zu tun. Ihr bekommt es einfach. That’s it. Deine Kantine ist zu und ich kann dir gerade helfen, also tue ich das einfach und dann fahre ich wieder. Wenn man einmal mit dem Auto vor dem Krankenhaus vorfährt, seinen Kofferraum aufmacht und den Leuten die Gerichte – natürlich kontaktlos – übergibt, ist das wahnsinnig erfüllend. Und am Ende genau der Grund, warum wir in der Gastronomiebranche sind: um Menschen mit unseren Produkten glücklich zu machen. Nur dass wir jetzt eben nichts dafür bekommen und das ist auch gut so.“

Ein Stammgast kam am Tag der Eröffnung mit einer Flasche Champagner zu uns und bedankte sich, dass wir wieder öffnen. Das war einer der emotionalsten Momente! – Martin Winkler

Wertschöpfung steigt

Auch Hannie Rützler sieht es ähnlich. Gastronomen müssen sich jetzt die Frage stellen, warum sie überhaupt machen, was sie machen. Sie müssen herausfinden, was ihnen wichtig ist und zu ihnen passt. Wie also kann ich mein Thema konsequenter umsetzen, zelebrieren und inszenieren? „Meiner Einschätzung nach wird der Kunde durch die Krise wieder eine höhere Wertschätzung für das Kochhandwerk und für ernstgemeinte Gastfreundschaft aufbringen. Wir schauen genauer hin, schmecken bewusster, unsere Sinne sind geschärft!“, gibt Rützler eine Einschätzung.

Viele Gastronomen und Hoteliers sind schon mitten in diesem Prozess und haben mit Einfallsreichtum und Kreativität neue Geschäftsideen aus dem Ärmel gezaubert. Dabei ist immer das Sicherheitsgefühl für die Gäste das oberste Gebot, denn „nur wenn wir das glaubhaft leben, werden die Gäste auch in schwierigen Zeiten kommen“, ist Maria Hauser vom Stanglwirt überzeugt. Bei dem prämierten Luxushotel mit Restaurant in den Kitzbühler Alpen profitiert man zudem vom großzügigen Platzangebot und nutzt Raumreserven nun für die Gäste.

Geborgenheit und Sicherheit

Vor dem Hintergrund von Abstandsregelungen und anderen Schutzmaßnahmen erlebt der geteilte Raum seinComeback. Denken wir an traditionelle italienische Restaurants mit romantisch anmutenden Trennwänden – obendrauf die Chianti-Korbflaschen. Es müssen aber nicht gleich so massive Teilungen sein: Glaswände oder offene Regale mit Bepflanzungen und andere Elemente der effektvollen Raumteilung schaffen sogar innerhalb eines großen Raums das Gefühl von Rückzugsmöglichkeit, Geborgenheit, Schutz und Sicherheit. Optisch wie akustisch.

Von einzigartiger Gastfreundschaft

Auch die Untermarkter Alm in Imst setzt auf ein neues Gastronomie-Gesamterlebnis. Pächter Martin Winkler, der sich schon mit vielseitigen kulturellen und musikalischen Angeboten auf der Alm einen Namen gemacht hat, will mehr als nur ein guter Gastgeber sein: Er sieht sich als Gastfreund, der sich in der Krise wieder auf die traditionelle Tiroler Gastlichkeit besonnen hat. Die Zeit der Schließungen hat er zudem dazu genutzt, zu Hause und in Ruhe neue Gerichte auszuprobieren, darunter auch viele vegane und vegetarische Speisen, die seine Familie dann zum Kosten bekam.

Wenn das Gehen zäh wird, fangen die Zähen an zu gehen! – Artur Wieser – frei nach Billy Ocean.

Mit echten Herausforderungen war auch die Nachtgastronomie konfrontiert, die besonders schnell agieren musste, wenn sie eine Chance auf Fortführung ihrer Geschäfte haben wollte. Markus Käfer und Markus Kopper von der Disco Excalibur im steirischen Hartberg studierten die Gesetzestexte und Verordnungen bis ins kleinste Detail und überraschten ihre Gäste mit einem völlig einzigartigen Konzept, dem „5-Uhr-Tee“. So konnten die Stammgäste einen Hauch von Disco- Feeling bekommen, Freunde treffen, soziale Kontakte leben – und das war nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Mitarbeiter ein wichtiges Zeichen.

Zwischen existenzbedrohend und euphorisch

In den Wiener Nobelrestaurants merkt man aktuell keinen Unterschied: An einem Mittwochabend hat man Mühe, einen Tisch in Konstantin Filippous Restaurant zu ergattern. Das Restaurant ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Von Krise oder Hysterie kann man hier nicht reden. Doch in anderen Teilen des Landes sieht das ganz anders aus: Vor allem die ungewisse Zukunft und die Auswirkungen auf die bevorstehende Wintersaison machen vielen Hoteliers und Gastronomen im Westen des Landes zu schaffen.

„Das Virus hat uns auf den Boden der Realität gebracht und zwingt uns sprichwörtlich, uns neu zu ‚erden‘. Es hat uns schlagartig und auf heftigste Weise wieder in Erinnerung gerufen, was tatsächlich wichtig ist im Leben: Familie, Gesundheit, Heimat, Zusammenhalt, Achtsamkeit, Moral und Ethik“, analysiert Christoph D. Albrecht, Geschäftsführer von AC Consulting. Gleichzeitig sieht er für die Branche in Österreich eine große Chance:

„Aus meiner Sicht wird Urlaub in den Alpen weiterhin höchst begehrlich für die Gäste sein – Reisen löst ein zu intensives Verlangen bei den Menschen aus und das Produkt ‚Alpenurlaub‘ ist sowohl im Sommer als auch im Winter zu attraktiv und alternativlos. Auch wenn Tirol derzeit in Kritik im Zusammenhang mit dem Corona-Virus steht, wird das positive Image von Österreich als Top-Urlaubsdestination langfristig aufrecht bleiben“, ist sich Albrecht sicher.

Wir arbeiten mit Freude – und wir sehen jeden Tag, dass unsere Gäste wirklich dankbar sind! – Thomas Heschl

Auch beim Stanglwirt sieht man durchaus positiv in die Zukunft, steht das Haus doch schon seit Jahrhunderten für tiefgründige Werte wie Naturverbundenheit, Traditionsbewusstsein und Familiensinn. Genau darin sieht Maria Hauser auch die Chancen für die Zukunft, denn diese Werte sind laut Hauser momentan für die Menschen das Wichtigste.

Auch in Lienz, im Brauereigasthof von Artur Wieser, bewertet man die Stimmung aktuell sehr positiv – und sieht durchaus eine Zukunftsperspektive. „Wir sind in der Schließungszeit durch unseren Lieferservice zum Glück mit unseren Kunden in Kontakt geblieben und haben immer wieder kleine Geschenke als Dank und Aufmunterung bekommen. Das hat uns in der ersten Zeit der Öffnung geholfen und darüber freuen wir uns auch heute noch!“, berichtet der Wirt. Auch die Stimmung im Restaurant sei überwiegend positiv, die Gäste erleichtert und froh, auch wenn das Thema Sicherheit allgegenwärtig ist.

Thomas Heschl betreibt in Pöllau einen 120 Jahre alten Gasthof, ein Pub, ein Tanz- und Partylokal und eine Bowlinganlage – hier hat man sich vom Schock nur langsam erholt, wagt nun aber auch einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Der vielseitige Gastronom berichtet von einer Zurückhaltung der Gäste und dass zu Beginn Angst noch stets präsent war. Mittlerweile hat sich aber auch die Lage im steirischen Pöllautal normalisiert, die Gäste fühlen sich sicher und kommen wieder zahlreich, so Heschl.

Beinahe schon euphorische Meldungen kommen zu uns aus dem Tannheimer Tal. Seit der Grenzöffnung zu Deutschland berichtet Kathrin Tannheimer, dass das Telefon wieder laufend läutet und Buchungen hereinkommen. Vor allem die Grenznähe zu Deutschland sieht sie hier als entscheidenden Vorteil. „Die Gäste fühlen sich sicher, auch deswegen, weil sie mit dem eigenen Auto in kurzer Zeit wieder zu Hause sind, falls es was geben sollte.“

Ohne Zweifel: Wer sich für diese Branche entscheidet, ist mit seinem ganzen Herzen dabei! – Roland Rangger

Auch beim Stanglwirt sieht Maria Hauser die Anreise ihrer Gäste mit dem eigenen Auto als den entscheidenden Vorteil. Insgesamt werden die Nahziele, die man gut mit dem Auto erreichen kann und in denen man sich in Sachen Infrastruktur und medizinische Versorgung sicher fühlt, profitieren, ist Maria Hauser überzeugt. Und auch in der Gosau ist man begeistert über den großen Zuspruch der Gäste, „denn nicht nur die Gäste freuen sich, wieder zu uns zu kommen, sondern auch wir freuen uns, das tun zu dürfen, was unser Lebensinhalt ist“, berichtet Roland Rangger.

 

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