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Die Corona-Krise wird länger dauern. Wir alle müssen lernen, mit dem Virus zu leben – ganz besonders hart trifft es aber den Tourismus, die Gastronomie und die Hotellerie. Die gesamte Branche wird und muss sich nachhaltig verändern.

 

Das Nichtstun liegt mir nicht. Wir alle wollten eine Aufgabe haben und das, was wir können, auch unseren Gästen zugute kommen lassen! – Kathrin Tannheimer

Ein Streifzug durch Österreich

Dabei ist es wichtig, sich die Bedeutung der Branche vor Augen zu halten: Mehr als 220.000 Beschäftigte sorgten 2019 im Beherbergungs- und Gaststättenwesen für zufriedene Kunden; 42,5 Mrd. € betrugen im letzten Jahr die Gesamteinnahmen durch Urlaubsgäste, Geschäftsreisende und Tagesgäste; die Wertschöpfung der Branche liegt bei rund 15 % unseres BIP. Das birgt eine enorme Verantwortung für alle Involvierten – Unternehmer, Mitarbeiter, Urlauber und die lokale Bevölkerung.

Tourismus, Hotellerie und Gastronomie sind ein Gesamtkonzept, das auf mehreren Beinen ruht und in den letzten Monaten ordentlich durchgebeutelt wurde. Viele sehen aber genau darin eine große Chance. Die Themen Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Regionalität gewinnen immer mehr an Bedeutung; außergewöhnliche und innovative Ideen sind gefragt – viele sprechen sogar von einer Neuerfindung der gesamten Branche. Das Eurogast Journal hat sich im ganzen Land umgesehen und Unternehmer getroffen, die nicht verzweifeln, sondern positiv in die Zukunft schauen. Ein Rundumblick vom Arlberg bis zum Neusiedlersee.

Die große Herausforderung wird sein, nicht zu verzweifeln

Wenn wir es auf den Punkt bringen, ist in den letzten Monaten alles, was bis dato in der Gastronomie und Hotellerie wichtig war, auf den Kopf gestellt worden: Die Interaktion mit dem Gast, die Kommunikation an der Bar, alles wurde in Frage gestellt oder ist gar nicht mehr wie bis dato gewohnt möglich. Artur Wieser vom Braugasthof Falkenstein in Lienz resümiert: „Ein Wirtshaus ist ja nicht nur ein Verpflegungsbetrieb. Der Wirt ist Seelentröster, Ratgeber, Handwerker, Streitschlichter, Entertainer und Musikant“ – und zumindest die beiden letzteren Aufgaben werden sich wohl zunehmend als schwierig herausstellen. Als Gastronom hat man also zwei Optionen: das Lokal dicht zu machen und sich zu Hause in Schockstarre und Trauer zu begeben – oder sich und sein Geschäftsmodell, zumindest ein Stück weit, neu zu erfinden.

Man muss nicht alles alleine machen

Viele heimische Unternehmen setzen in Corona-Zeiten auf einen Lieferservice und den Verkauf über Online-Shops – ein Konzept, das verstärkt auch nach der Krise Bestand haben könnte. Hannie Rützler, Ernährungswissenschaftlerin und Foodtrendforscherin, sieht darin Chance und Risiko zugleich: „Viele Gastronomen haben sich noch gar nicht überlegt, ob es Sinn macht, Speisen auf diese Art auch in Zukunft anzubieten – vielleicht offensiv Zielgruppen anzusprechen und Kooperationen zu suchen. In der Gastronomie gibt es so viele Einzelunternehmer, aber man muss ja nicht immer alles allein machen. Die Gastronomie muss stark mit regionalen Partnern zusammenarbeiten und hier gemeinsam kreative, nachhaltige und damit zukunftsfitte Lösungen finden!“

Die Krise hat aber auch gezeigt, dass man Ideen haben muss, um schwierige Zeiten zu umschiffen! – Isolde Mörz

Im idyllischen Tannheimer Tal, unweit der Grenze zu Deutschland, hat Kathrin Tannheimer schon nach wenigen Tagen mit ihrem Konzept „Urlaub im Glas“ aufhorchen lassen. Die kreative Unternehmerin, die für ihre außergewöhnlichen Ideen bekannt ist, hat es Mitte März nicht länger mit dem Nichtstun ausgehalten. Die Gerichte, die ansonsten auf den geselligen Tischen landen, sollten die Gäste und Urlauber ab sofort zu Hause erfreuen. Mit praktisch und hygienisch einwandfrei in Gläsern verpackten Speisen startete der Alpengasthof POST mit dem Urlaub im Glas.

„Unsere Gäste waren von Anfang an begeistert – und die Mitarbeiter froh, wieder was tun zu können. Mit so einem irren Zuspruch haben wir allerdings nicht gerechnet. Einerseits sind viele Einheimische aus der Region vorbeigekommen und haben sich die Gläser abgeholt, andererseits haben wir aber auch viel versendet: an unsere Stammgäste oder an Urlauber, die bei uns das Essen genossen haben. Nicht selten gingen Pakete bis ins Erzgebirge oder die Schweiz!“

Auch Roland Rangger vom Dachsteinkönig in der Gosau sah die Chance in der Krise und zog schon wenige Tage nach dem Shutdown gemeinsam mit einem regionalen Gastronomiepartner einen Lieferservice auf. Im Stadt-Land-Gefälle erkannte er die größte Herausforderung: „Lieferservice ist in den Städten ja mittlerweile schon bewährt, bei uns am Land gab es so was aber bis dato nicht. Die Menschen waren allerdings froh, gutes und bodenständiges Wirtshausessen zu sich nach Hause geliefert zu bekommen. Ich denke, dass es auch besonders für die älteren Leute wichtig war – so konnte man den Kontakt noch ein wenig aufrechterhalten!“

Oft ist weniger mehr. Und der Genuss erfährt wieder eine höhere Wertschätzung! – Martin Winkler

Mitten in der Eröffnungswoche war auch das Eisdirndl im Tannheimer Tal vom Lockdown betroffen. Aber nach dem ersten Schock machte sich Isolde Mörz mit ihrem Team trotzdem daran, ihr herrliches Eis unter die Leute zu bringen. „Durch unseren Lieferservice konnten wir die Stammkunden glücklich machen, aber vor allem viele neue Kunden dazugewinnen. Oft haben die Kinder schon am Gartenzaun auf uns gewartet, bis wir mit der Eislieferung gekommen sind, und als Dank haben wir viele selbstgemachte Bilder und Zeichnungen bekommen. Das berührt und tut in dieser schweren Zeit unheimlich gut“, so die ambitionierte Unternehmerin, deren Eisdirndl im Rahmen des Falstaff Publikums- Votings zum zweitbesten Eissalon in Tirol gewählt wurde.

Das besondere Tüpfelchen auf dem i bot der Stanglwirt seinen Kunden, ließ er doch die bestellten Speisen vom ehemaligen Rennfahrer Hans Joachim Stuck, einem Freund des Hauses, mit voller Rennmontur und im Sportwagen ausfahren. „Wir waren das erste Mal seit 250 Jahren mit einer Betriebsschließung konfrontiert. Beim Stanglwirt gab es diese Situation noch nie, da wir bis dato nie einen Ruhetag hatten und auch keinen Saisonbetrieb führen. Aber wir leben seit jeher nach einer grundpositiven Einstellung – auch wenn die Zeiten noch so herausfordernd sind!“, berichtet  Junior-Chefin Maria Hauser.

 

 

Bilder: iStock.com/Natalie_magic, iStock.com/I love takeing photos and i think that is a really great opportunity for me to share them, iStock.com/Prostock-Studio, Stanglwirt_GMedia_3

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