Seit mittlerweile drei Generationen steht das Restaurant Karawankenblick im Süden von Kärnten für Bodenständigkeit und Tradition. Doch hinter dem Familienbetrieb steckt noch weit mehr als ein klassisches Wirtshaus. Seit einem Snowboard-Unfall ist Koch Christoph Schaschl, Sohn des Lokalbesitzers Christian, an den Rollstuhl gebunden. Seine gute Laune und Lebensfreude hat er trotz Einschränkung nie verloren. Gemeinsam geht diese Familie durch Höhen und Tiefen und zeigt, was familiärer Zusammenhalt bewirken kann. Eurogast hat den bodenständigen Koch und seine Familie in Kärnten besucht und über Familie, Chinesen und Basketball gesprochen.

Herr Schaschl, schon Ihr Vater hat das Lokal von seinen Eltern übernommen, und heute arbeiten Sie gemeinsam mit Ihrer Familie im Betrieb. War das schon immer Ihr Plan?

Ich bin von klein auf in den Familienbetrieb hineingewachsen und habe mitgeholfen, wo es nur ging. Ich liebe das Gastronomieleben und habe deshalb die Koch- und Kellnerlehre in Vorarlberg gemacht. Im dritten Lehrjahr ist dann mein Unfall passiert, aber aufgegeben habe ich trotzdem nie und habe meine Lehre als Koch im Rollstuhl absolviert.

 

Sie sind also sofort ins Familiengeschäft eingestiegen?

Ich wurde als Frühpensionist eingestuft und unterstütze seitdem meine Eltern und meine Schwester so gut es geht. So hat jeder seine Rolle im Betrieb und das funktioniert tadellos. Wir sind drei Kinder, ich und meine Schwester arbeiten im Betrieb und mein Bruder hat als Tischler einen anderen Weg eingeschlagen. Auch das kann man ganz gut gebrauchen.

Sie sehen einander rund um die Uhr. Wie hält man sich da noch aus?

Ich kenne das von Kind auf. Wenn man sich 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche sieht, baut man eine andere Art von Beziehung zueinander auf. Als Teenager nicht so einfach, aber unsere Eltern haben immer alles für uns gegeben. Man geht gemeinsam durch Höhen und Tiefen und bekommt alles mit. So wächst man mehr zusammen und das leben wir auch.

Ist Ihnen das Kochen also in die Wiege gelegt worden?

Ja, die Gastronomie auf alle Fälle, die lebt unsere Familie seit Generationen. Wir hatten aber auch nie den Zwang, die Nachfolge anzutreten. Es stand uns immer offen, unseren eigenen Weg zu gehen, und wir konnten uns freiwillig entscheiden, im Betrieb zu bleiben. Dadurch liebt man das Ganze noch mehr. Das rechne ich unseren Eltern hoch an – nicht viele dürfen so frei wählen.

Wie funktioniert das Kochen im Rollstuhl?

Ich fahre meinem Vater regelmäßig über die Zehen, aber daran hat er sich gewöhnt. Spaß beiseite – es ist sehr schwierig im Rollstuhl, vor allem in der Küche ist es fast unmöglich. Man hat nicht den nötigen Radius, man benötigt sehr viel Platz, und die Gefahr, sich unversehens zu verbrennen, ist enorm. Deswegen habe ich mich von der Küche etwas distanziert und bin jetzt eher im Service tätig. Die Theke haben wir adaptiert, damit ich dahinter mehr Platz habe und alles in Griffhöhe ist.

Was ist Ihre größte Challenge bei der Arbeit im Betrieb?

Sich im Rollstuhl durchzusetzen, ist oft schwierig, weil man nicht wahrgenommen wird. Teilweise fehlt einfach der Respekt. Wenn die Leute kommen und sehen, was ich trotz Beeinträchtigung schaffe, dann sind sie sehr überrascht. Man muss sehr viel Durchhaltevermögen zeigen.

„Es ist alles machbar, wenn man sich durchsetzt und einen harten Willen zeigt.“

Was wäre Ihre Botschaft an andere Rollstuhlfahrer, die in der Gastronomie arbeiten möchten?

Nach meinem Unfall war der Rückhalt meiner Familie und meiner Freunde das, was mich durch den Tag gebracht hat. Das hat mir so viel gegeben, dass ich nie Probleme mit der Veränderung hatte. Man muss den Alltag und den eigenen Körper wie ein Baby neu kennenlernen, aber es ist alles machbar, wenn man sich durchsetzt und einen harten Willen zeigt.

Was fasziniert Sie am meisten an Ihrem Job?

Ganz klar der Gästekontakt. Wir sind hier am Land, da grüßt jeder jeden und man kennt einander beim Vornamen. Mich nennen die Leute bei meinem Spitznamen „Koke“, so baut man einfach eine persönlichere Bindung zu den Gästen auf. Das gibt mir auch die Energie für das Gastroleben.

Wie international sind Ihre Gäste?

Natürlich kommen viele Touristen zu uns, die meisten aus Deutschland. Durch den Pyramidenkogel oder das GTI-Treffen haben wir mittlerweile aber Gäste aus aller Welt. Einmal ist ein Chinese mit dem Auto zu uns hergefahren, das war der Wahnsinn.

Was hat der Chinese damals bestellt?

Ich habe schön geschaut, als er unseren Kärntner Fisch genommen hat. Diese traditionellen Gerichte kennen sie halt nicht, schätzen sie aber sehr.

Hat die Nähe zur Grenze Einfluss auf Ihre Küche?

Es wird immer internationaler, auch bei uns, aber wir bleiben unserer Kärntner Küche treu. Bei uns wird alles selbst gemacht und es ist wichtig, das aufrechtzuerhalten. Die Hausmannskost darf nicht verloren gehen und muss den jüngeren Generationen auch überliefert werden, damit sie die Tradition weiterführen können.

Spielen Trends eine Rolle oder kochen Sie und Ihre Familie ein eigenes Süppchen?

Wir versuchen, Trends auf uns abzustimmen und regional und saisonal umzusetzen. Bei unseren Spezialitätenwochen können wir solche neuen Kreationen ausprobieren. Mein Vorschlag, Burger-Tage einzuführen, wurde am Anfang von den Eltern überhaupt nicht angenommen – mittlerweile sind sie der totale Hit! Wir backen dazu das Brot selbst und bereiten alles aus frischen Zutaten aus der Region zu. Wir haben lange experimentiert, um unsere eigene Version daraus zu machen, die auch zu uns passt. Drei Wochen haben wir alleine für die Brötchen gebraucht. So ist dann ein Burger entstanden, den man nicht mit Fast Food vergleichen kann, und das merken auch die Gäste. Ganzjährig nehmen wir sie aber trotzdem nicht in die Karte auf, denn wir wollen die Frische gewährleisten und das schaffen wir einfach eher in den ruhigeren Zeiten.

Sie sind neben der Arbeit im Betrieb auch im österreichischen Rollstuhlbasketball-Nationalteam aktiv. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Ein 24-Stunden-Tag ist mir meistens zu wenig. Nach meinem Unfall 2009 habe ich sofort mit dem Basketball begonnen und es ist gleich zu einer Leidenschaft geworden. Ich bin kein Einzelgänger, sondern lieber Teil eines Teams, deswegen habe ich mich auch für einen Mannschaftssport entschieden. Natürlich ist es schwierig, den Betrieb und das Nationalteam zu vereinen, weil man überall gebraucht wird. Die Trainingslager finden immer am Wochenende statt, was für die Gastro nicht unbedingt optimal ist. Da muss ich ein großes Danke an meine Eltern aussprechen, weil sie mich immer unterstützt haben und mir die Freiräume geben, mich auszutoben. Natürlich, meine Zukunft ist die Gastronomie, und irgendwann muss ich den Basketball wieder hintanstellen.

Was kann Ihr Basketball-Ich vom Gastro-Ich lernen?

Von der Gastronomie habe ich gelernt, wie das Teamgefüge funktioniert, das kann ich jetzt beim Spielen gut nützen. Ich bin der, der auf den Zusammenhalt schaut und immer ein Lächeln im Gesicht hat. Durch die Gastro habe ich die Gabe, den ganzen Tag zu lachen. Und im Team bin ich genauso.

Wie definieren Sie Erfolg?

Erfolg ist für mich die Treue unserer Stammgäste – das ist genug Auszeichnung für mich. Die Gastfreundschaft und Ehrlichkeit dem Gast gegenüber sind uns sehr wichtig.

Was darf bei Ihnen in der Küche absolut nicht fehlen?

Ich könnte jetzt Butter sagen, aber noch wichtiger ist die Liebe zum Beruf. Die findet man seltener.

Was ist Ihre Lieblingsspeise?

Eindeutig ein frisches Ritschert* aus der Küche.

Irgendwelche Zukunftspläne?

Ich plane, in nächster Zeit den Betrieb meiner Eltern zu übernehmen und sie etwas zu entlasten. Sie haben einen tollen Job gemacht und diese Liebe zum Beruf will ich weitertragen.

 

*für Nicht-Kärntner: ein Rollgersteneintopf

Lokalbesitzer Christian und Küchenchefin Lydia Schaschl mit ihren drei Kindern Jürgen, Sandra und Christoph (und Enkel).

Info

Restaurant Karawankenblick
Linden 20
9074 Keutschach am See
www.karawankenblick.info

 

Bilder: Gregor Hartl, Fotografie Isop

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